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Innovation @ Google – Was wir lernen können

Im letzten Herbst hatte ich die Gelegenheit, ein paar Wochen im Silicon Valley zu verbringen. Neben den üblichen touristischen Zielen entlang des Highway Nr. 1, Treffen mit Start-ups und den Besuchen an den Universitäten in Berkeley und Stanford hat mich insbesondere ein Tag bei Google in Mountain View sehr beeindruckt.

Dabei hätte ich auch gerne etwas zu meinen Themen Macht der Daten und Privatsphäre erfahren, aber all meine Versuche, darüber mit Google-Mitarbeitern zu diskutieren, blieben erfolglos. Bei diesem Thema machen sie dicht: „Alles im Sinne der Nutzer“, „Privatsphäre ist uns sehr wichtig“ und weitere Worthülsen.

Was mich aber ebenso sehr beschäftigte, war die Frage, wie Google es trotz seiner Größe schafft, so innovativ zu bleiben. Ich hatte das Glück, dass ein Freund, der dort arbeitet, sich einen Tag Zeit nahm, um mir den Campus und auch die neuesten Entwicklungen – etwa im Bereich Künstliche Intelligenz – zu zeigen. Der Eindruck vom Campus: viele junge freundliche und sympathische Menschen, verschiedene Cafeterias mit sehr gutem Essen und Getränken, Volleyballplätze und überall ein sehr entspanntes Klima – Kalifornien eben.

Anders als bei vielen deutschen Firmen strengt Google sich wirklich an, um innovativ zu bleiben. Es geht um weit mehr als „Nettigkeiten“, wie Fahrräder für Teammeetings oder ein Dinosaurier auf dem Campus, der alle Mitarbeiter daran erinnern soll, wie schnell selbst Riesen aussterben. Ich bin bis heute beeindruckt, wie es einer Firma mit ca. 80.000 Mitarbeitern gelingt, innovativ zu bleiben. Dies gilt für viele Bereiche, wie z.B. Künstliche Intelligenz, autonomes Fahren, Augmented Reality und viele andere.

Neben einem guten Gehalt unternimmt Google vieles, um für die begehrten Softwareentwickler und andere digitale Experten attraktiv zu sein. So können die Mitarbeiter anderthalb Tage pro Woche für ein eigenes Projekt aufwenden. Hierfür muss kein Business-Plan entwickelt werden. Vielmehr haben die Initiatoren die Aufgabe, Mitstreiter im Sinne von Followern zu finden, die mit ihnen gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Ein weiterer Punkt, den ich spannend fand: das variable Gehalt wird dort nicht vom Chef oder der Chefin bestimmt, sondern von den „Peers“ im Team. Das Ziel dahinter: Die Leistung im Team und nicht hierarchisches Denken fördern.

Google hat es mit diesen und weiteren Maßnahmen schlicht geschafft, ein Vorreiter bei den Themen Leadership und Mitarbeiter zu sein. Alle wissen, dass das die Schlüssel zur Innovationskraft sind, aber nur den wenigsten gelingt es, tatsächlich ein begehrter Arbeitgeber zu werden. Google ist mittlerweile für viele Universitätsabsolventen der Traumarbeitgeber schlechthin – und das gilt nicht nur für die Studenten aus Stanford oder Berkeley. Google hat also freie Auswahl im globalen Pool der Top-Talents. Dabei muss jeder Kandidat mehrere Gespräche mit verschiedenen Google Mitarbeitern führen und alle(!) Gesprächspartner müssen der Einstellung zustimmen. Auch von meinen Studierenden und Doktoranden/innen höre ich immer wieder: „Wenn es klappt, würde ich am liebsten zu Google gehen.“ Und dabei denken sie nicht zuerst an die Sonne Kaliforniens.

Traditionelle Unternehmen in Europa und Deutschland können in Bezug auf Innovationen und Unternehmenskultur noch immer viel von Google lernen. Ein Vorurteil, das man zum Thema Digitalisierung oft hört, wurde auf meiner Reise übrigens nicht bestätigt: Das vielzitierte „Fail fast“ konnte ich nicht beobachten. Im Gegenteil: Amir erzählte mir, dass sein Projekt, das er über mehrere Monate geleitet und vorangetrieben hat, am nächsten Tag hoffentlich den siebten Qualitätstest bestehen würde. Erst dann gehe seine Softwarelösung live. „Fail fast“ scheint jedenfalls bei Google doch nicht (mehr) so weit verbreitet zu sein, wie hierzulande manchmal behauptet wird. Vielleicht war das in frühen Tagen anders, als Google noch ein Disruptor war – heute steht es auf der Seite der etablierten Incumbents und hat ein Markenversprechen einzulösen. Qualität und Innovation gehört eben doch zusammen – auch im Silicon Valley.